Personalgewinnung – Neue Wege gehen

Die Hörakustik ist ein Handwerk: modern, stets innovativ, aber auch mit klassischen Werten wie Tradition und Umgangsformen. Immer im Fokus: der Kunde mit seinen ganz individuellen Hör- Wünschen und -Bedürfnissen.
Die optimale Besetzung eines Fachgeschäftes besteht aus einem Meister, mindestens einem Gesellen und einem Auszubildenden. Doch der Alltag sieht häufig anders aus. Seit Monaten schon unterbesetzt, weil eine der tragenden Kräfte gekündigt hat und kein Ersatz zu finden ist. Dann hechtet man von Termin zu Termin, rennt zwischendurch raus um die Laufkundschaft zu bedienen und lässt den dritten Anruf auf den Anrufbeantworter gehen. Die Betreuung des Kunden leidet darunter und der anwesende Mitarbeiter auch; muss gar der Ladeninhaber selbst einspringen fehlt Zeit für wichtige geschäftsführende Aufgaben.

Verschiedene Hörakustiker-Generationen mit unterschiedlichen Ansprüchen

In der Hörakustik sind seit eh und je mehr Stellen frei, als Bewerber vorhanden. Und die Situation wird in den kommenden Jahren wahrscheinlich nicht besser werden. Hinzu kommt, dass man sich als Arbeitgeber auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Ansprüche der verschiedenen Generationen einstellen muss. Mal recht vereinfacht und plakativ ausgedrückt sind das folgende Punkte:

  • Die Generation Y, die gerade unsere Gesellen und Jungmeister stellt, werden nicht ihr Leben lang in einem Laden stehen. Sie suchen einen Arbeitsplatz an dem sie ihre Arbeitszeiten und auch den Arbeitsort flexibel gestalten können. Für sie könnten flexible Arbeitszeitmodelle wichtig sein.
  • Die Z-ler stellen unsere Auszubildenden- und z.T. bereits Gesellen- Generation. Sie möchten zwar gern wieder klare, geregelte Arbeitsbedingungen haben, legen aber größten Wert auf eine gute Arbeitsatmosphäre. Fühlen sie sich ungerecht behandelt, ist das Arbeitsklima angespannt, oder fühlen sie sich permanent gestresst, dann wechseln sie den Arbeitgeber. Sie wünschen sich flache Hierarchien und feste Ansprechpartner.
  • Währenddessen versucht der Golfer, auch Generation X genannt, den Geschäftsalltag allein zu wuppen, dieser Generation ist nämlich der Erfolg und die Anerkennung für sein Tun wichtig; denn schließlich ist er sogar bereit private Interessen hintenanzustellen, natürlich nur bis zu einem gewissen Grad. Fehlt ihm die Wertschätzung kann es schnell kippen; laut einer Studie leiden oder litten fast sieben Prozent dieser Generation unter burnout- Syndrom; sowie insgesamt 10% eines mittleren und hohen sozialen Status. Eine hohe Arbeitsbelastung und Stress zählen ganz klar zu den Hauptverurrsachern dieser Erkrankung.

Wer morgen noch erfolgreich sein möchte, muss sich heute bewegen

Die Hörakustik hat sich, im Laufe der Jahrzehnte, verändert. Der Glauben, wie ein Geschäft geführt werden sollte, ist aber noch immer der gleiche. Schaut man sich einmal die Entwicklung an, so müssen zwar, ganz klar, sämtliche Inhalte in einer Ausbildung vermittelt werden; der Akustiker kann aber in Zeiten der Silversurfer, Internet- Vergleichsportalen und vor allem steigender Konkurrenz nicht mehr alle Arbeiten allein ausführen, da der Kunde mittlerweile einen wesentlich höheren Anspruch an Dienstleistung stellt. Bisher war man in dem Glauben eine weitere gelernte Kraft finden zu müssen die ebenfalls alle Aufgaben übernehmen kann. In einem gut organisierten Betrieb, mit klarer Aufgabenverteilung ist das aber gar nicht nötig; vor allem steht einem eine wesentlich größere Bewerberanzahl zur Verfügung, wenn man Aufgaben abgibt, die in anderen Berufen ebenso gefordert sind und somit von Quereinsteigern übernommen werden könnten, die lediglich ein gewisses Grundwissen über die Hörakustik haben sollten. Kundenbetreuung, Termin- und Lagerverwaltung, Ordnung, um nur mal ein paar Beispiele zu nennen.

Vielleicht sollte es sogar eine weitere duale Ausbildung zur Hörakustik- Assistenz geben; eine 2 ½ jährige Ausbildung mit der Möglichkeit zur Aufstockung; ähnlich wie in der Krankenpflege, wo es Krankenpflegehelfer und Krankenpfleger gibt. Aber das ist eine andere Diskussion.

Aktuell sollte, neben der klassischen Ausbildung, vermehrt Quereinsteigern die Chance gegeben werden in der Hörakustik Fuß zu fassen.

Schließlich erwartet der Kunde vom Hörakustiker Kompetenz und Zeit für seine Belange zum vereinbarten Termin. Kompetenz strahlt man durch ruhige Bewegungen, der entsprechenden Kleidung und vor allem hohen Fachwissen aus. Dies kann nur durch ständige Weiterbildung, besonders in einem Beruf wie der Hörakustik, gewährleistet werden. Nur so kann der Hörsystem- Anpasser und Kundenberater auf dem aktuellen Stand der Technik bleiben, den Kunden stets optimal beraten und ihn mit dem Hörsystem versorgen, das die optimale Lösung ist, inclusive Zubehör und App- Empfehlung.

Zahlreiche, täglich anfallende Aufgaben können hingegen von Quereinsteigern übernommen werden, die der Fachkraft zuarbeiten und so die Mitarbeiter entlasten: Eine Servicekraft die den Empfang und eingehende Telefonate regelt; den Terminkalender verwaltet und den Batterieblister auffüllt.  Eine Akustik- Assistenz, die zwar nicht alle Zusammenhänge kennt, aber alle vorgegebenen Messungen durchführen, Abdrucknahme und Anpassungen vorbereiten kann. Dieses Personal könnten Mitarbeiter sein, die zuvor Arzthelfer, Verkäufer, oder anderes gelernt haben und sich beruflich noch einmal verändern möchten. Und vielleicht stellen sie sogar fest, dass die Hörakustik genau ihr Ding ist und ihnen langfristige Perspektiven bietet. So kann aus einem Serviceberater, nach einigen Jahren im Fachgeschäft, und z.B. durch eine Umschulung, sogar der nächste filialleitende Meister werden.

 


Gastautorin:
Corinna Ruhl ist selber Hörakustik-Meisterin und bereits seit über dreißig Jahren in der Branche tätig. Sie hat die Hörakustik aus vielen Blickwinkeln kennengelernt: als Audiologin an der Klinik für Kommunikationsstörungen in Mainz hat sie Kinder mit Hörgeräten versorgt. Weitere Stationen waren u.a. eine Hörgeschädigten- Schule in Frankfurt, Fachgeschäftsleiterin, Kinderbeauftragte eines Filialunternehmens, sowie die Betreuung der Auszubildenden der Vitakustik GmbH. 2018 gründete Corinna Ruhl gemeinsam mit Denny Kirstein ein Weiterbildungsunternehmen für die Hörakustikbranche. Weitere Infos unter www.emma-hörakustik.de. Corinna Ruhl ist darüber hinaus Mitglied des Gesellenprüfungsausschusses und schreibt als Autorin für den median- Verlag.